Der Hijab ist eines der sichtbarsten Zeichen des Islam und gleichzeitig eines der am meisten missverstanden. Fur muslimische Frauen ist er weit mehr als ein Kleidungsstuck: Er ist Ausdruck von Glauben, Wurde und Identitat. Dieser Artikel legt die koranischen und prophetischen Grundlagen dar, erklart die vier Bedingungen islamischer Kleidung, beleuchtet die Debatte uber den Niqab und gibt praktische Hilfestellung fur Frauen in Deutschland.
„Und sag den glaubigen Frauen, sie sollen ihren Blick senken und ihre Keuschheit bewahren, und sie sollen ihren Schmuck nicht zur Schau stellen, ausser was (normalerweise) davon sichtbar ist. Und sie sollen ihr Khumur uber die Brust schlagen."
Koran 24:31
Koranische Grundlagen des Hijab
Zwei Verse im Koran bilden die wichtigste Textgrundlage fur den islamischen Hijab:
Koran 24:31 (Vers des Khumur)
Dieser Vers wendet sich direkt an die glaubigen Frauen: Sie sollen ihren Blick senken, ihre Keuschheit bewahren und ihr Khumur (arabisch: Kopftuch, Plural von Khimar) uber die Brust schlagen. Das Wort Khumur bezeichnet ein Tuch, das uber den Kopf gelegt wird. Der Vers macht deutlich, dass der Hals und die Brust bedeckt sein mussen.
Der Vers nennt auch Ausnahmen: Vor dem Ehemann, Vater, Schwiegervater, Sohnen, Brudern und anderen Mahrams darf die Frau ihren Schmuck zeigen. Vor Nicht-Mahrams gilt die vollstandige Bedeckung.
Koran 33:59 (Vers des Jilbab)
Der zweite Kernvers richtet sich an den Propheten ﷺ: „O Prophet, sage deinen Frauen und deinen Tochtern und den Frauen der Glaubigen, sie sollen ihr Jilbab (Ubergewand) uber sich ziehen. So ist es am ehesten, dass sie erkannt und nicht belastigt werden." Das Jilbab bezeichnet ein weites Obergewand, das den gesamten Korper bedeckt.
Beide Verse wurden von den Begleiterinnen des Propheten ﷺ sofort und vollstandig umgesetzt. Aisha berichtete, dass die Frauen der Ansar, als dieser Vers geoffenbart wurde, sofort ihre Umhangetuch als Kopfbedeckung herausnahmen (Bukhari 4481).
Hadith der Asma bint Abi Bakr (Abu Dawud 4104)
Asma, die Schwester von Aisha (RA), trat in dunnen Kleidern zu dem Propheten ﷺ ein. Er wandte sein Gesicht ab und sagte: „O Asma, wenn eine Frau die Puberttat erreicht, darf von ihr nichts gesehen werden ausser diesem und diesem" und zeigte dabei auf sein Gesicht und seine Hande. Obwohl die Isnad dieses Hadith diskutiert wird, stutzen ihn viele Gelehrte und er zeigt das Prinzip deutlich: Gesicht und Hande sind grundsatzlich vom Hijab ausgenommen.
Die vier Bedingungen islamischer Kleidung
Gelehrte des islamischen Rechts haben aus Koran und Sunna vier wesentliche Bedingungen destilliert, die die Kleidung einer muslimischen Frau in Gegenwart von Nicht-Mahrams erfullen muss:
- Bedeckend (Sitr al-Awrah): Die Kleidung muss den gesamten Korper mit Ausnahme von Gesicht und Handen bedecken. Kein Teil der Awrah darf sichtbar sein.
- Nicht durchsichtig (ghayr Shatif): Das Gewand darf nicht so dunn oder durchsichtig sein, dass die Farbe der Haut oder die Konturen des Korpers erkennbar sind. Der Prophet ﷺ warnte vor Frauen, die „gekleidet und doch nackt" sind (Muslim 2128).
- Nicht anliegend (ghayr Dayiq): Die Kleidung darf nicht so eng sitzen, dass sie die Formen des Korpers abzeichnet. Ein weites, fallendes Gewand entspricht dem islamischen Ideal der Bescheidenheit.
- Kein Tashbih (Nachahmungsverbot): Die Kleidung der Frau darf nicht der Kleidung von Mannern ahneln, und sie darf keine Kleidung nicht-muslimischer religiosen Gruppen imitieren, die als Religionsabzeichen gilt. Dieses Prinzip ist im Hadith belegt (Abu Dawud 4030).
Wichtiger Hinweis: Diese vier Bedingungen betreffen die Kleidung ausserhalb des Hauses in Gegenwart fremder Manner. Farbe und Stil sind nicht vorgeschrieben. Muslimische Frauen haben grosse Freiheit bei der Gestaltung ihres Hijab, solange die vier Bedingungen erfullt sind.
Awrah der Frau: Vor Mahrams und Nicht-Mahrams
Der Begriff Awrah bezeichnet die Korperteile, die bedeckt werden mussen. Er unterscheidet sich je nach dem, wer anwesend ist:
Vor Nicht-Mahram-Mannern
Vor fremden Mannern muss die Frau den gesamten Korper bedecken. Die Mehrheitsmeinung der Gelehrten nimmt dabei Gesicht und Hande aus (Hanafi, Maliki, Shafi'i). Die Hanbali-Schule zahlt das Gesicht zur Awrah vor fremden Mannern.
Vor Mahram-Mannern
Vor ihren Mahrams (Vater, Bruder, Sohne, Onkel vaterlicher- und mutterlichseis, Schwiegersohne) muss die Frau lediglich das bedecken, was zwischen Nabel und Knie liegt. Das ist die Awrah-Regel, die fur Frauen untereinander ebenfalls gilt.
Vor anderen muslimischen Frauen
Vor muslimischen Frauen gilt als Awrah der Bereich zwischen Nabel und Knie. Eine Frau braucht vor anderen Frauen keinen Hijab zu tragen.
Im Gebet
Im Gebet muss die Frau den gesamten Korper bedecken, einschliesslich Kopf und Hals, unabhangig davon, ob Manner anwesend sind oder nicht. Nur Gesicht und Hande sind ausgenommen.
Die Niqab-Debatte: Pflicht oder Empfehlung?
Die Frage, ob das Bedecken des Gesichts (Niqab) verpflichtend ist, zahlt zu den bekanntesten Meinungsverschiedenheiten in der islamischen Rechtswissenschaft:
Hanafi- und Maliki-Position
Beide Schulen sind der Meinung, dass das Gesicht grundsatzlich nicht zur Awrah gehort, solange keine Fitnah (Versuchung oder Unruhe) zu befurchten ist. Wenn eine Frau sehr schon ist und ihr Gesicht zeigen wurde, Manner in Versuchung fuhren konnte, empfehlen manche Gelehrte dieser Schulen den Niqab als Vorsichtsmassnahme. Grundsatzlich ist er aber nicht Pflicht.
Hanbali-Position
Viele Hanbali-Gelehrte, darunter Ibn Baz und Ibn Uthaymin, halten den Niqab fur verpflichtend (Wajib) fur Frauen vor fremden Mannern. Sie stutzen sich auf Koran 33:59 und auf Berichte, dass die Frauen der Prophetenzeit ihr Gesicht vor fremden Mannern bedeckten.
Zeitgenossische Einschatzung
Die grosste islamische Gelehrteninstitution, Al-Azhar in Kairo, hat mehrfach bestatigt, dass der Niqab keine islamische Pflicht ist. Die meisten zeitgenossischen Gelehrten sehen ihn als empfehlenswerte Handlung (Mustahabb), nicht als Pflicht. Frauen, die den Niqab tragen, verdienen Respekt fur ihre Frommigkeit; Frauen ohne Niqab sind jedoch nicht sundhaft, solange sie den ubrigen Hijab erfullen.
Spirituelle Bedeutung des Hijab
Der Hijab wird oft auf seine physische Dimension reduziert, hat aber eine tiefe spirituelle Bedeutung, die drei Dimensionen umfasst:
Keuschheit (Haya)
Der Prophet ﷺ nannte Haya (Schamgefuhl, Keuschheit) einen Zweig des Glaubens (Bukhari 9). Haya bedeutet nicht Unsicherheit, sondern Wurde: das Bewusstsein, vor Allah zu stehen und das eigene Auftreten danach auszurichten. Der Hijab ist der sichtbare Ausdruck innerer Haya.
Wurde und Identitat
Der Hijab ist ein Zeichen muslimischer Identitat. Er sagt der Welt: Ich bin Muslimin. In einer Zeit, in der muslimische Frauen oft unsichtbar gemacht oder falsch dargestellt werden, ist der Hijab eine mutige und wurde Aussage. Viele Frauen berichten, dass das Tragen des Hijab ihnen ein tiefes Gefuhl von Zugehorigkeit und Starke gibt.
Schutz und Fokus
Koran 33:59 begrundet den Jilbab damit, dass die Frauen so erkannt und nicht belastigt werden. Der Hijab verlagert den Fokus von der ausseren Erscheinung auf Charakter, Intelligenz und Handeln. Er schutzt die Frau davor, auf ihr Aussehen reduziert zu werden.
Geschichte des Schleiers in den abrahamitischen Religionen
Der Schleier ist kein islamisches Alleinstellungsmerkmal. Er hat eine lange Geschichte in allen drei abrahamitischen Religionen:
Im Judentum war die Kopfbedeckung verheirateter Frauen (Tichel oder Sheitel) uber Jahrhunderte Norm, besonders in orthodoxen Gemeinden. Der Talmud diskutiert die Pflicht der Kopfbedeckung ausfuhrlich. Im Christentum befiehlt der Apostel Paulus in 1. Korinther 11:5-6 Frauen, beim Beten den Kopf bedeckt zu haben. Nonnen tragen bis heute einen Habit, der dem Hijab in vieler Hinsicht ahnelt. Maria, die Mutter Jesu, wird in fast allen Darstellungen mit einem Kopftuch abgebildet.
Der Schleier war also historisch das Zeichen einer frommen, rucksichtsvollen Frau, bevor er im 20. Jahrhundert im Westen aufgegeben wurde. Im Islam ist diese Tradition lebendig geblieben.
Hijab in Deutschland: Rechtliche Situation
In Deutschland gibt es kein allgemeines Hijab-Verbot. Muslimische Frauen konnen in der Offentlichkeit, in Geschaften, Universitaten und den meisten Berufen ihren Hijab tragen. Es gelten jedoch einige Einschrankungen:
- Offentlicher Dienst: Einige Bundeslander haben Regelungen, die das Tragen religioses Symbole, darunter den Hijab, fur Beamte im Richter-, Lehramt- und Staatsanwaltsbereich einschranken. Diese Regelungen sind teilweise umstritten und wurden von Gerichten teilweise aufgehoben.
- Bundesverfassungsgericht 2015: Das Gericht stellte klar, dass ein pauschales Verbot des Kopftuchs fur Lehrerinnen verfassungswidrig ist. Eine Einschrankung ist nur dann zulassig, wenn konkrete Gefahr fur den Schulfrieden oder die staatliche Neutralitat besteht.
- Privatwirtschaft: In der Privatwirtschaft gilt das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), das Diskriminierung aufgrund der Religion verbietet. Eine Arbeitgeberin darf den Hijab nicht allein aus religiosen Grunden verbieten, es sei denn, es gibt sachliche Grunde (z. B. Hygiene, Sicherheit).
- Schule: Schulkinder konnen ihren Hijab grundsatzlich tragen. Ein pauschales Schulverbot ware eine unverhaltnismassige Einschrankung der Religionsfreiheit.
Tipp fur Deutschland: Wenn Sie am Arbeitsplatz oder in der Schule Probleme wegen Ihres Hijabs haben, konnen Sie sich an islamische Verbande wie den Zentralrat der Muslime (ZMD) oder Rechtsberatungsstellen wenden. Das AGG bietet konkrete Schutzmassnahmen.
Praktische Ratschlage fur den Start
Fur Frauen, die ernsthaft uber das Anfangen des Hijab nachdenken, hier einige praktische Empfehlungen:
Beginnen Sie mit der Niyyah (Absicht)
Die Niyyah ist das Fundament jeder islamischen Handlung. Machen Sie Ihre Absicht klar fur Allah: Sie tragen den Hijab Ihm zuliebe, nicht aus gesellschaftlichem Druck oder Gewohnheit. Eine reine Niyyah tragt Sie durch schwierige Momente.
Bilden Sie sich
Lesen Sie die Koranverse und die relevanten Hadithe selbst. Sprechen Sie mit Gelehrten, die Sie respektieren. Verstehen Sie das Warum, bevor Sie das Wie angehen. Wissen ist Kraft und schutzt vor Zweifeln.
Beginnen Sie schrittweise, aber entschlossen
Manche Frauen beginnen mit einem Kopftuch und arbeiten sich zur vollstandigen Erfullung der vier Bedingungen vor. Der Islam ist pragmatisch: Fortschritt zahlt mehr als Perfektion. Wichtig ist die Ernsthaftigkeit der Absicht und die stetige Entwicklung.
Bauen Sie ein Unterstutzungsnetzwerk auf
Suchen Sie Gemeinschaft mit anderen Musliminnen, die den Hijab tragen. Eine lokale Moschee, islamische Frauengruppen oder Online-Gemeinschaften konnen enormen Halt geben, besonders in der Anfangsphase.
Bereiten Sie Antworten vor
In Deutschland werden Sie Fragen gestellt bekommen. Bereiten Sie ruhige, selbstsichere Antworten vor: „Ich trage den Hijab aus personlicher Uberzeugung und als Ausdruck meines Glaubens." Sie schulden niemandem eine Rechtfertigung, aber eine freundliche Antwort offnet oft Dialoge.
Haufige Missverstandnisse ausraumen
„Der Hijab ist ein Zeichen der Unterdrickung"
Millionen muslimischer Frauen weltweit tragen den Hijab aus freier Entscheidung und empfinden ihn als befreiend. Das Reduzieren des Hijabs auf Unterdrickung ignoriert die Stimmen dieser Frauen. Unterdrickung liegt vor, wenn Frauen gezwungen werden, den Hijab zu tragen oder ihn abzulegen. Beides ist abzulehnen.
„Der Hijab stammt aus dem Arabischen Kulturkreis"
Der Hijab ist eine Korananweisung, keine arabische Kulturtradition. Frauen in Indonesien, Turkei, Deutschland und Nigeria tragen ihn in ihren eigenen kulturellen Variationen. Der islamische Hijab uberschreitet Kulturgrenzen.
„Ohne Hijab ist man keine richtige Muslimin"
Diese Haltung ist falsch und schadlich. Eine Muslimin ist definiert durch ihr Shahada (Glaubensbekenntnis) und ihre Hingabe an Allah, nicht allein durch ein Kleidungsstuck. Den Hijab nicht zu tragen ist eine Sunde, wie viele andere Sunden auch, macht aber niemanden zur Nicht-Muslimin.
„Manner werden durch den Hijab nicht angezogen"
Das Ziel des Hijab ist nicht, Manner abzustossen, sondern die Frau zu schutzen und den Fokus auf ihr Inneres zu lenken. Der Hijab ist kein Garantieversprechen gegen Belsatigung, aber ein deutliches Zeichen islamischer Identitat und Haltung.
Haufig gestellte Fragen (FAQ)
Gebietet der Koran den Hijab?
Ja. Koran 24:31 und 33:59 sind die Haupttextgrundlagen. In Koran 24:31 wird Frauen befohlen, ihr Khumur (Kopftuch) uber die Brust zu schlagen. In Koran 33:59 werden Frauen angewiesen, ihr Jilbab (Ubergewand) uber sich zu ziehen. Beide Verse wurden von den Begleiterinnen des Propheten unmittelbar umgesetzt.
Muss das Gesicht bedeckt werden?
Das ist eine bekannte Meinungsverschiedenheit. Hanafi und Maliki sehen das Gesicht grundsatzlich als nicht zur Awrah gehorig an. Die Hanbali-Schule halt das Bedecken des Gesichts vor fremden Mannern fur verpflichtend. Al-Azhar und die Mehrheit der zeitgenossischen Gelehrten sehen den Niqab als empfehlenswert, aber nicht als Pflicht.
Gibt es ein Mindestalter fur den Hijab?
Die Pflicht des Hijab beginnt mit der Reife (Puberttat). Vor der Puberttat ist er nicht verpflichtend. Viele Familien gewohnen ihre Tochter fruhzeitig daran, was islamisch befurwortet wird, solange kein Zwang ausgeubt wird.
Ist Hijab Pflicht oder Wahl?
Aus islamisch-rechtlicher Sicht ist er eine religiose Pflicht, die durch Koran und Sunna belegt ist. Die personliche Entscheidung, ihn nicht zu tragen, entbindet eine Muslimin nicht von der religiosen Verantwortung, macht sie aber nicht zur Nicht-Muslimin. Der Islam betont immer Barmherzigkeit und ermutigt zur schrittweisen Annaherung ohne Zwang (Koran 2:256).
Was sagt der Islam, wenn man keinen Hijab tragt?
Das Nicht-Tragen gilt als Sunde, fur die Reue jederzeit moglich ist. Allah ist der Allbarmherzige. Der Prophet ﷺ sagte: „Jeder Sohn Adams macht Fehler, und die Besten der Fehlmachenden sind jene, die Reue zeigen" (Tirmidhi 2499). Niemand sollte eine Frau ohne Hijab geringschatzen oder aus der Gemeinschaft ausschliessen.
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